Kasuistik

Kasuistik

* * *

Ka|su|ịs|tik 〈f. 20; unz.〉
1. 〈Stoa, Talmud, Scholastik, Jesuitenlehre〉 Lehre von bestimmten Einzelfällen innerhalb der Morallehre u. dem dafür richtigen Verhalten
2. 〈Rechtsw.〉 Methode, einen Fall als Einzelfall nach den nur für ihn zutreffenden Tatbeständen zu beurteilen u. die allg. Rechtsvorschriften nicht dogmatisch, sondern modifiziert auf ihn anzuwenden
3. 〈fig.〉 Haarspalterei, Wortklauberei
[zu lat. casus (conscientiae) „Gewissensfälle“]

* * *

Ka|su|ịs|tik, die; -:
1. (in der philosophischen Ethik u. in der katholischen Moraltheologie) Teil der Sittenlehre, der für mögliche Fälle des praktischen Lebens anhand eines Systems von Geboten das rechte Verhalten bestimmt.
2. (Rechtsspr.) Versuch u. Methode einer Rechtsfindung, die nicht von allgemeinen, umfassenden, sondern von spezifischen, für möglichst viele Einzelfälle gesetzlich geregelten Tatbeständen ausgeht.
3. (Med.) Beschreibung von Krankheitsfällen.
4. (bildungsspr.) spitzfindige Argumentation; Haarspalterei; Wortverdreherei.

* * *

I
Kasuistik,
 
in der Fachliteratur auch als klinische Vorgehensweise bezeichnete Untersuchungsmethodik, die sich am Einzelfall orientiert.
II
Kasuịstik
 
[zu lateinisch casus »Fall«, »Vorkommnis«] die, -, die Erörterung von Einzelfällen, v. a. im Recht, in der Ethik, der Moraltheologie und der Medizin:
 
In der Ethik Erörterung über eine zu treffende Entscheidung in Fällen, in denen über die Anwendung sittlicher Normen Zweifel bestehen, so besonders bei Konflikten zwischen mehreren Pflichten und Interessen. Voraussetzung für eine Kasuistik ist das Bestehen einer Sittenlehre mit grundsätzlich fest umrissenen Prinzipien oder Normen, die auf konkrete Handlungssituationen angewendet werden sollen. So gibt es etwa Kasuistik im Konfuzianismus und Buddhismus, im Abendland zuerst in der Stoa. Von hier diskutierten Fällen, so dem des rechten Verhaltens zweier Schiffbrüchiger, denen ein nur eine Person tragendes Brett zur Verfügung steht, berichtet Cicero (»De officiis«, III 90). In der modernen Ethik wird die Kasuistik, in Verbindung mit der Kritik an geschlossenen moralischen Systemen, meist abgelehnt, zum Teil aber auch verteidigt (Hans Reiner).
 
 
und christliche Theologie: Charakteristisch ist die Kasuistik für das Judentum, das in seiner rabbinischen Schultradition bei der Auslegung des Gesetzes (Thora) anhand konkreter, in den Disputen der rabbinischen Akademien aber meist konstruierter Fälle sowohl um einen Ausgleich zwischen Thora, Mischna, Gemara und anderen gesetzlichen Traditionen als auch darum bemüht ist, der jüdischen Gemeinde in ihrem jeweiligen geschichtlich-gesellschaftlichen Umfeld die Gesetzeserfüllung zu ermöglichen beziehungsweise zu erleichtern. - Über judenchristliche Vorstellungen im Neuen Testament fand die Kasuistik Eingang in die christliche Theologie und beeinflusste zunächst durch die stark schematisierten Bußbücher (Sündenkataloge für den Gebrauch der Beichtväter) die rechtlich ausgerichtete Bußpraxis des Mittelalters, verselbstständigte sich dann jedoch - trotz theoretischer Rückbindung an systematischer Theologie und Mystik - in der katholischen Moraltheologie des 17./18. Jahrhunderts (Probabilismus), v. a. unter dem Einfluss der Jesuiten, zu einem System der Feststellung des ethischen Minimums (des eben noch Erlaubten). - Die protestantische Ethik betont aufgrund der reformatorischen Vorstellung von der Überwindung des Gesetzes durch das Evangelium im Gegensatz zu einer kasuistisch orientierten Normenethik die Autonomie und Freiheit der sittlichen Entscheidung des Einzelnen (»Situationsethik«).
 
 
Methode der Rechtsfindung, die nicht durch generalisierende Grundsätze, sondern durch möglichst viele Einzelregelungen alle denkbaren Fälle zu erfassen sucht. In der Gesetzgebung bedeutet Kasuistik eine auf Einzelfälle abstellende Normsetzung, in der Rechtsprechung eine auf bestimmte Rechtsfälle abstellende gerichtliche Entscheidung.

* * *

Ka|su|ịs|tik, die; -: 1. (in der philosophischen Ethik u. in der katholischen Moraltheologie) Teil der Sittenlehre, der für mögliche Fälle des praktischen Lebens anhand eines Systems von Geboten das rechte Verhalten bestimmt. 2. (Rechtsspr.) Versuch u. Methode einer Rechtsfindung, die nicht von allgemeinen, umfassenden, sondern von spezifischen, für möglichst viele Einzelfälle gesetzlich geregelten Tatbeständen ausgeht. 3. (Med.) Beschreibung von Krankheitsfällen. 4. (bildungsspr.) spitzfindige Argumentation; Haarspalterei; Wortverdreherei: Hinter der K. der Briefe stehen Fragen des Prestiges (Adorno, Prismen 212).

Universal-Lexikon. 2012.

Поможем решить контрольную работу

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Kasuistik — (lat. casus: „Fall“) bezeichnet allgemein die Betrachtung von Einzelfällen in einem bestimmten Fachgebiet. In der Rechtslehre etwa ist mit Kasuistik die Betrachtung eines einzelnen Falles gemeint, der vor Gericht entschieden wurde und bei neueren …   Deutsch Wikipedia

  • Kasuistik — (lat.), früher eine Wissenschaft, die sich mit den Grundsätzen beschäftigte, nach welchen schwere Gewissensfälle, die sogen. Casus conscientiae, besonders wo eine Kollision der Pflichten eintritt, zur Beruhigung des Gewissens entschieden werden… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Kasuístik — (lat.), Anwendung der Moraltheologie auf einzelne praktische Fälle (casus), die Gewissensfragen, bes. bei Kollision der Pflichten, zu entscheiden lehrt; vorzugsweise von den Jesuiten (Kasuisten) öfter zu spitzfindigen Systemen ausgebildet… …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Kasuistik — Kasuistik,die:⇨Spitzfindigkeit …   Das Wörterbuch der Synonyme

  • Kasuistik — Ka|su|ịs|tik 〈f.; Gen.: ; Pl.: unz.〉 1. 〈Ethik〉 Lehre von bestimmten Einzelfällen innerhalb der Morallehre u. dem dafür richtigen Verhalten 2. 〈Rechtsw.〉 Methode, einen Fall als Einzelfall nach den nur für ihn zutreffenden Tatbeständen zu… …   Lexikalische Deutsches Wörterbuch

  • Kasuistik — Kasuị|stik [zu lat. casus = Fall] w; : Beschreibung von Krankheitsfällen …   Das Wörterbuch medizinischer Fachausdrücke

  • Kasuistik — Ka|su|is|tik die; <zu ↑...istik>: 1. Teil der Sittenlehre, der für mögliche Fälle des praktischen Lebens im Voraus anhand eines Systems von Geboten das rechte Verhalten bestimmt (bei den Stoikern u. in der kath. Moraltheologie). 2. Versuch… …   Das große Fremdwörterbuch

  • kasuistik — s ( en) JUR, MED exempelsamling, fallbeskrivningar till ledning för enskilda fall, äv. exempel på etiska ställningstaganden för ledning i en samvetsfråga …   Clue 9 Svensk Ordbok

  • Kasuistik — Ka|su|ịs|tik, die; (Lehre von der Anwendung sittlicher und religiöser Normen auf den Einzelfall; Rechtswissenschaft Rechtsfindung aufgrund von Einzelfällen gleicher oder ähnlicher Art; Medizin Beschreibung von Krankheitsfällen; übertragen für… …   Die deutsche Rechtschreibung

  • Komparative Kasuistik — Die Komparative Kasuistik ist eine in den Sozialwissenschaften, vor allem der Psychologie, angewandte Methode, um aus dem Vergleich von Einzelfällen neue wissenschaftliche Hypothesen zu gewinnen. Sie wurde von Gerd Jüttemann im Jahr 1981… …   Deutsch Wikipedia

Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”